ROUNDUP/Umbruch im Möbelhandel: Vielen kleinen Händlern droht das Aus

dpa-AFX

10.03.2020 06:35

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Das Jahr 2019 war ein überraschend gutes Jahr für den Möbelhandel. Die Bundesbürger griffen noch einmal tief in die Tasche, um die eigenen vier Wände zu verschönern und bescherten der Branche bei Wohn- und Küchenmöbeln eine Steigerung des Umsatzes von 1,8 Prozent auf rund 20,6 Milliarden Euro, wie eine aktuelle Studie des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) ergab. Das kam selbst für viele Fachleute unerwartet. Doch die Atempause für die Branche ist wohl nur kurz. Vielen mittelständischen Möbelgeschäften droht in den nächsten fünf Jahren das Aus.

"Zurzeit herrscht eine trügerische Ruhe in der Branche. Doch die Umwälzungen im Möbelhandel werden weitergehen", ist der IFH-Möbelhandelsexperte Uwe Krüger überzeugt. "Der Onlinehandel hat den Strukturwandel in der Möbelbranche drastisch beschleunigt. Schon bald werden 25 oder 30 Prozent der Produkte über das Internet ausgesucht oder gekauft werden."

Nach der aktuellen Prognose des IFH wird der Anteil des Online-Handels am Möbelgeschäft von 13 Prozent im Jahr 2019 auf fast 20 Prozent im Jahr 2024 steigen. Der Marktanteil des "klassischen" stationären Möbelhandels ohne Internetangebot werde dagegen im gleichen Zeitraum von über 60 Prozent auf nur noch gut 50 Prozent schrumpfen, prognostiziert das IFH. Etliche traditionelle Geschäfte dürften das nicht überleben. Abgekoppelt von diesem Negativtrend haben sich der Studie zufolge allerdings die drei großen Möbelhandelsketten in Deutschland: Ikea, XXXLutz und Höffner. Ihr Marktanteil werde sich in den nächsten fünf Jahren von derzeit 26 auf 29 Prozent erhöhen, sagt das IFH voraus.

Es ist nicht nur das Internet, das die Branche vor massive Herausforderungen stellt. Auch die geänderten Einkaufsgewohnheiten wirbeln den Markt durcheinander. Jahrzehntelang verlagerte sich der Möbelhandel Schritt für Schritt immer weiter in die Peripherie der Städte, wo die großen Möbelmärkte und Möbeldiscounter ihre Einkaufspaläste errichteten. Doch das Rezept funktioniert heute so nicht mehr.

"Heute gibt es eine klare Präferenz jüngerer Käuferschichten zu hippen Standorten in florierenden Städten. Selbst für Möbel und Küchen muss es eine Erreichbarkeit ohne Auto geben, verbunden mit der Zustellung der Ware", beobachtet der Handelsverband Möbel und Küchen (BVDM). Nur wenige Unternehmen der Branche hätten darauf bisher eine Antwort gefunden.

Die Signale der Zeit erkannt, hat offensichtlich Marktführer Ikea. Auch die Schweden hätten den Boom des Online-Handels fast verschlafen. Doch gerade noch rechtzeitig steuerte der Möbelriese um. Im vergangenen Jahr steigerte Ikea seine Online-Umsätze in Deutschland um 33 Prozent auf fast 500 Millionen Euro. Das Unternehmen machte fast 10 Prozent seines Geschäfts im Internet. Und bei der Planung neuer Standorte setzt Ikea dem Zeitgeist folgend nicht mehr auf die großen blauen Kisten auf der grünen Wiese, sondern auf kleinere Filialen und Planungsstudios in Innenstädten.

Während Ikea ganz auf das Wachstum aus eigener Kraft baut, setzen die beiden größten Rivalen der Schweden, XXXLutz und Höffner, erfolgreich auf eine Doppelstrategie aus internem und externem Wachstum. Branchentypisch buhlen sie mit lauter Werbung und aggressiver Preispolitik um die Kunden. Gleichzeitig kaufen sie - wo immer möglich - lokale Platzhirsche im Möbelhandel auf, um die eigene Position zusätzlich zu stärken. Online-Shops haben die beiden Ikea-Rivalen natürlich längst auch. "Der Onlinehandel mit Möbeln ist am Anfang unterschätzt worden. Aber jetzt ist die Branche aufgewacht und stellt sich der Herausforderung", meint Krüger.

Ob die aktuelle Coronavirus-Krise die zu erwartenden Verwerfungen in der Branche noch verstärken wird, ist für den Branchenkenner derzeit noch ungewiss. "Erfahrungsgemäß reagieren die Konsumenten erst mit einiger Verzögerung auf solche Entwicklungen", meint er. Solange die internationalen Lieferketten funktionierten, sei erst einmal kein großer Rückschlag zu erwarten. Die Branche könne sogar profitieren: "Falls die Verbraucher angesichts schlechter Nachrichten aus aller Welt noch mehr Wert darauf legen, es sich zuhause schön zu machen."/rea/DP/zb

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